Produktion in Indien? Wir nicht!

Im Januar 2006 warnte das rheinland-pfälzische Umweltministerium vor bestimmten, in Indien hergestellten Textilien, darunter auch vor Babytragetüchern. In ihnen seien verbotene Farbstoffe nachgewiesen worden, die bei Hautkontakt krebserregende Stoffe freisetzen können.
Um eines vorweg zu sagen: Bei unseren Produkten können Sie absolut sicher sein, dass sie keine fragwürdigen Farbstoffe oder sonst in irgendeiner Weise bedenkliche Substanzen enthalten!


Durch diese Vorkommnisse sehen wir uns wieder einmal in dem Grundsatz bestätigt, unsere Sachen nur dort zu produzieren, wo wir jeden Arbeitsschritt genau unter Kontrolle haben. Konkret bedeutet das: Alles, was wir selbst herstellen (Babytragetücher, Tragejacken, BabyDos...) wird in Deutschland und zum Teil in Österreich gefertigt, und zwar von der (kbA-)Rohbaumwolle an. Was wir nicht selbst machen, beziehen wir von kleinen Firmen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Das ist zwar etwas teurer, aber da weiß man was man hat.
Baumwolle können wir beim besten Willen nicht aus Europa beziehen. Daher verwenden wir nur solche, die aus kontrolliert biologischem Anbau stammt. Das sind übrigens nicht mal 0,2% der Weltproduktion.
Insbesondere vermeiden wir Produktionsländer wie Indien, an dessen Beispiel im Folgenden der unheilvolle Einfluss der vier Saatgut- und Pestizid-Konzerne beleuchtet werden soll.

Bereits im Juni 2005 rief ein nordrhein-westfälischer Importeur Textilien zurück, die er aus Indien eingeführt hatte. Auch diese Textilien (u.a. Babytragetücher) waren mit Stoffen belastet, die als allergieauslösend und krebserregend gelten und deshalb in Europa verboten sind.
Die Sachen seien für den indischen Markt bestimmt gewesen und nur versehentlich nach Deutschland geliefert worden, bekundet damals der Importeur. Ganz so, als ob Allergien und Krebs in Indien kein Problem wären.
Unangenehm, wenn die Bedingungen, unter denen in Indien produziert wird, ihre Schatten versehentlich bis nach Deutschland werfen.
Für uns ist das ein Grund, uns etwas eingehender mit den indischen Produktionsbedingungen zu beschäftigen und zu erläutern, weshalb wir beim globalen Kampf um Preise und Marktanteile nicht mitmachen.
Der Artikel ist etwas länglich geraten. Wir hoffen auf Ihre Geduld, bleiben beim Beispiel Indien und beginnen ganz am Anfang:


Saatgut

Nachdem die weltweite Nachfrage nach billiger Baumwolle wuchs, erlagen immer mehr indische Bauern der Versuchung, statt Nahrungspflanzen Baumwolle anzubauen. Für ihre Verhältnisse wurde die recht gut bezahlt. Für das Saatgut müssen die Bauern allerdings erst einmal zahlen. Baumwolle wächst heute nicht mehr einfach aus den Samen, die man aus der letzten Ernte sowieso herauskämmt. Ein Verdienst der industriellen Agrarforschung ist eine Art Kopierschutz für Pflanzen, der dafür sorgt, dass die Bauern jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Moderne Hybrid- und BT-Pflanzen vermehren sich nämlich nicht selbst sondern müssen künstlich bestäubt werden.
Eine monotone Handarbeit, für die internationale Saatgutkonzerne in Indien ca. 450.000 Kinder beschäftigen. Meist Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren. Die Kinder stehen natürlich nicht direkt auf der Lohnliste von Bayer (Aventis), Unilever oder Monsanto. Die sauberen Global Player beschränken sich darauf, das Saatgut in hübsche Säcke zu verpacken, und es den Bauern zusammen mit ihren Pestziden wieder zu verkaufen. Die Verantwortlichkeiten in der Produktion werden durch ein System aus Subunternehmen verschleiert.   mehr dazu hier und auch hier.

Schädlinge

Baumwollschädlinge lieben das indische Klima und die saftigen Hybrid-Pflanzen, sie profitieren von den Monokulturen und werden langsam gegen alle Insektizide resistent.
Heute versprühen indische Baumwollbauern auf ihren Feldern alles, was verspricht, Baumwollkapselwurm & Co in Schach zu halten. Selbst Gifte, die in Europa längst verboten sind, werden von denselben Firmen, die wir oben schon erwähnt hatten, mit gutem Profit verkauft und von indischen Bauern ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit ausgebracht (1). Auffallend viele Landarbeiter erliegen noch vor ihrem vierzigsten Lebensjahr einem Leber- oder Nierenleiden, aber auch viele Menschen, die die Baumwolle weiterverarbeiten, sterben jung an deren Ausdünstungen.

Schuldknechtschaft

Ein zweiter Grund für die geringe Lebenserwartung indischer Baumwollbauern ist die Schuldenfalle. Insektizide sind teuer und das Saatgut kostet neuerdings Lizenzgebühren. Oft ist es so, dass der Bauer die Ernte schon vor der Saat an seinen Insektizid-Saatgut-Lieferanten verpfänden muss. Deshalb kann er auch nie wieder etwas anderes anpflanzen als Baumwolle. Mancher Bauer stellt nach der Ernte fest, dass ihm nichts davon gehört, und viele von ihnen greifen aus Verzweiflung selbst zur Flasche mit dem Totenkopf (2).
Dieses, von Soziologen "Schuldknechtschaft" genannte Abhängigkeitssystem, hat sich im Zuge der Globalisierung auch in anderen Bereichen der indischen Textilindustrie wieder ausgebreitet:
Wer weben möchte, braucht einen Webstuhl. Ein Händler gibt Kredit, liefert das Material und nimmt das Gewebe ab. Natürlich zu seinen Preisen. Fortan arbeitet der Weber nur noch für die Zinsen. Bei uns werden die Sachen dann unter dem freundlichen Etikett "handgewebt" verkauft, wobei der Zusatz "in Indien" meist unterschlagen wird.

Arbeitsbedingungen

Arbeitsschutz, Kündigungsschutz, Urlaub oder Lohnfortzahlung sind in Indien genauso selten wie betriebliche Mitbestimmung oder Altersvorsorge. Ein Traumland für Billighersteller, für europäische Arbeitnehmer eher ein Albtraum. Dazu nur ein Beispiel: In vielen Textilbetrieben werden den Arbeitern die Kosten für Werkzeuge und Reparaturen vom Lohn abgezogen. Das kann leicht zu roten Zahlen auf dem Lohnzettel führen. Der Tagesverdienst eines indischen Arbeiters liegt bei rund einem Euro, wobei ein normaler Arbeitstag mindestens zwölf Stunden lang ist. Eine Frau verdient in der gleichen Zeit ca. 75 Cent. Setzt ein indisches Unternehmen Kinder ein, kann es die Lohnkosten nochmals halbieren.

Kinderarbeit

Die Zahl der Kinder unter 14 Jahren, die in Indien einer regelmäßigen Arbeit nachgehen, wird je nach Interessenlage recht unterschiedlich geschätzt. Die Angaben reichen von 11 Millionen (indische Regierung 6) bis zu 115 Millionen (Human Rights Watch 9). Etwa 15 Prozenz davon arbeiten, nach beiden Schätzungen, für die Gläubiger ihrer Eltern. Sie erfüllen, in einem Verhältnis der Leibeigenschaft (5), den Schuldendienst ihrer Familien.
Der überwiegende Teil der Kinder arbeitet aber im elterlichen Betrieb, und dieser Anteil nimmt zu. Viele indische Vertragspartner deutscher Unternehmen beschäftigen tatsächlich keine Kinder mehr. Sie spalten statt dessen den Produktionsprozess in winzige Einheiten auf, die dann an kleine Zulieferer vergeben werden. In diesen "Familienbetrieben" ist die "Mithilfe" der Kinder erlaubt, oder wird zumindest nicht kontrolliert. Die Kinderarbeit verlagert sich so aus wenigen Fabrikhallen zu einer Unzahl scheinselbständiger Subunternehmen und verschwindet damit aus der offiziellen Statistik. Diese Mini-Firmen kaufen das Material und die Produktionsmittel auf Kredit bei ihren Auftraggebern und sind diesen dann völlig ausgeliefert (siehe Schuldknechtschaft). Die folgende Selbstausbeutung verschont dann auch die eigenen Kinder nicht. (8) (9)
Ob die Verlagerung zu "Familienbetrieben" auf die internationalen Kampagnen gegen Kinderarbeit zurückgeht, oder ob das neue System nur noch profitabler ist, bleibt offen. Für die Kinder macht es jedenfalls keinen großen Unterschied. Sie gehen nicht zur Schule und werden daher ein ähnliches Leben führen, wie ihre Eltern.

Wasserverbrauch

Ein weiteres Problem ist das Wasser (10).
Die Baumwollpflanze ist zwar noch mit Oberflächenwasser zufrieden, solange es nicht allzu schmutzig ist. Alle folgenden Verarbeitungsschritte brauchen aber Trinkwasser und produzieren Abwasser: Färbereien arbeiten in Indien selten mit geschlossenen Wasserkreisläufen, sondern entlassen die Brühe weitgehend ungeklärt in die Landschaft (11).
Noch mehr Wasser verbrauchen die zahlreichen Waschgänge am Ende der Produktionskette. Damit das Endprodukt zumindest den "Ökotex Standard 100" erfüllt, müssen die oben erwähnten Gifte möglichst herausgewaschen werden. Das geht natürlich nur mit viel sauberem Wasser.
Die Rechnung haben auch hier wieder die Armen zu zahlen: Händler haben schnell erkannt, wie man den Wassermangel zu Geld macht, und so gibt manche Arbeiterfamilie ein Drittel ihres Einkommens für Trinkwasser aus (12).

Globale Abhängigkeiten

Der indische Staat erlässt seit Jahrzehnten immer wieder Gesetze, die Kinderarbeit einschränken und menschliche Arbeitsbedingungen und Entlohnung sicherstellen sollen (13). Genau so lange kritisieren Menschenrechtsorganisationen die halbherzige Durchsetzung dieser Gesetze.
Indien ist, wie alle Schwellen- und Entwicklungsländer, vom Wohlwollen der Weltbank und des IWF abhängig. Diese, de facto us-amerikanischen Organisationen, vertreten bisher ausschließlich die Interessen internationaler Konzerne. Die Weltbank hat zwar im August 2004 Besserung gelobt (15), was aus dieser Ankündigung wird, muß sich aber erst noch erweisen. (15a)
In einer Welt, in der globales Playen chic und Geiz geil ist, haben staatliche Regelungen wenig Chancen. Regierungen werden zu Erfüllungsgehilfen der Weltbank degradiert, und wenn eine den Gehorsam verweigert, findet sich immer ein Staat, der sich soziale Verantwortung nicht leisten kann. Sollten die Verhältnisse für Unternehmen in Indien einmal ungemütlicher werden, dann ziehen die Heuschrecken der Marktwirtschaft eben nach Bangladesh oder Burkina Fasso weiter.

Unternehmensinitiativen

Einige der größten deutschen Handelskonzerne versuchen, auf ihre indischen Lieferanten einzuwirken. Zum Teil mit durchaus edlen Motiven oder auch nur um Imageschäden abzuwenden.
Nicht selten führen solche Vorstöße aber nur dazu, dass die Arbeitsplätze mit den übelsten Bedingungen vom Vertragspartner in Subunternehmen verlagert werden. Damit verschwinden sie in einem Dickicht unzähliger Kleinfirmen, in dem sich Verantwortungsgefühl und Kontrollmöglichkeiten schnell verlieren. Oder, wie es der Geschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels Stefan Wengler ausdrückt: "Es wird zunächst nur möglich sein, die Zulieferer zu auditieren, mit denen man ständig zusammenarbeitet. Jedes Glied der langen Subunternehmerkette im Blick zu haben, bleibt Utopie."
Ein Bericht der schweizerischen Migros (16) zeigt, auf welche Schwierigkeiten selbst große Handelsunternehmen stoßen, wenn sie versuchen, einen sozialverträglichen Verhaltenskodex (17) durchzusetzen.
Selbst honorige Unternehmen wie das "Fair Handelshaus gepa" verfangen sich mitunter in den Fallstricken des indischen Marktes: Hier wurden mit verbotenen AZO-Farbstoffen belastete Babytragetücher nach Deutschland geliefert. Dass diese Tücher eigentlich für den indischen Markt bestimmt waren macht die Sache im Grunde nicht besser. In Deutschland lösten sie eine Rückrufaktion aus. Ob indische Textilarbeiter und vor allem Babys gegen die krebsauslösende Wirkung von AZO-Farbstoffen immun sind wurde in diesem Zusammenhang nicht erläutert.

und was macht DIDYMOS?

Wie oben bereits erwähnt, stellen wir unsere Sachen nur in Deuschland und Österreich her. Dasselbe erwarten wir von unseren Lieferanten.
Unsere Überzeugung, dass es unter den gegebenen Umständen moralisch nicht vertretbar ist, in Indien, China oder ähnlichen Ländern zu produzieren, ist für uns ein Motiv, im Lande zu bleiben. Ein weiteres sehen wir in der zunehmenden Ent-Industrialisierung des europäischen Wirtschaftsraums. Grundfähigkeiten, wie das Weben hochwertiger Stoffe, sollten auch bei uns erhalten bleiben. Und das bleiben sie eben nur, wenn die Webereien ihre Produkte auch verkaufen können und man nicht versucht auch noch den letzten Cent aus der Produktionskette zu quetschen.
Unter anderem, um den entgangenen Geldfluß in Länder der dritten Welt auszugleichen, spenden wir regelmäßig an Projekte, die speziell mit Kindern und für Kinder arbeiten. Auch hierbei muß man vorsichtig sein, und so achten wir darauf, dass die bedachten Organisationen das DZI-Siegel tragen.

aber die Baumwolle...

Baumwolle können wir natürlich nicht in Europa wachsen lassen. Aber mit ihrem Import übernehmen wir auch eine Verantwortung für die Produktionsbedingungen. Hier leisten zum Glück zwei unabängige Zertifizierungsstellen, Skal und das schweizer Institut für Marktökologie (IMO) umfassende Arbeit. Sie zertifiziert Baumwollproduzenten nach strengen ökologischen aber auch nach sozialen Kriterien. Jede Charge wird vom Samen bis zur Auslieferung lückenlos dokumentiert und erhält zum Schluß das Gütesiegel "kbA" (kontolliert biologischer Anbau). Aber vorsicht: kbA ist kein geschützter Begriff. Im Grunde kann jeder seine Baumwolle "kbA" nennen. Nur bei Rohstoffen, deren Ursprung durch vertrauenswürdige Institute bescheinigt wurde, kann man wirklich sicher sein. Skal und IMO erfassen zur Zeit nur ca. 0,2% der Welt-Baumwollproduktion. Wir verwenden ausschließlich solche kbA-Baumwolle.

Wir danken allen, die bis hier durchgehalten haben.

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Einige der Quellen zu diesem Artikel:

ÖKO-TEST 08/2007 Magazin Textilproduktion: Nicht recht, aber billig
(1) Umgang mit Pestiziden
(2) "Suicide in India" Anthropology News 6.02
(2a) Spritzmittel auf Kredit
(3) Schuldknechtschaft weltweit
(4) Baumwollanbau in Indien
(5) Bonded Labor
(6) Studie Kinderabeit in Indien (2003) (pdf)
(6a) die Rolle der Konzerne (2005)
(7) Kinderarbeit im Baumwollgürtel
(8) Kinderarbeit - Maßnahmen der Regierung
(9) Kinderarbeit - Human Rights Watch
(10) Tirupur - Zentrum der Textilindustrie
(11) Textilindustrie und Wasser
(12) Privatisierung der Wasserversorung
(13) Regierungsinitiativen
(14) private Initiativen
(15) Weltbank - Einsicht oder Täuschung?
(15a) Weltbank - oder anders ausgedrückt
(16) Bericht über Kontrollen bei indischen Lieferanten (pdf)
(17) CCC - Clean Clothes Campaign


Links geprüft am 01.06.06
Sollte ein Link inzwischen ins Leere führen, wäre ich für eine Nachricht dankbar: hier