Tragen eines Säuglings - mehr als eine Möglichkeit des "Kindertransportes"

Dr. Evelin Kirkilionis


Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen, Uni Freiburg

 

Frau Kirkilionis hat ihre über 10-jährige Forschung zum Thema "Tragen"" in einem wissenschaftlich fundierten jedoch verständlich geschriebenen Buch zusammengefaßt.
Das Werk ist für € 12,90 im Buchhandel oder direkt bei uns zu bekommen.
Im Folgenden eine "Kurzfassung":

 

Zusammenfassung

Getragen werden, diese Art der Betreuung kommt den Bedürfnissen eines Säuglings in vielerlei Hinsicht entgegen, insbesondere, wenn durch die Gefahr einer Hüftdysplasie prophylaktische oder therapeutische Maßnahmen nötig werden. Aufrecht vor der Brust getragen oder im seitlichen Hüftsitz - unterstützt durch geeignete Tragehilfsmittel ist der Oberschenkelkopf für eine normale Entwicklung des Gelenkbereichs ideal zur Hüftgelenkpfanne orientiert. Die gemessenen Werte während des Hüftsitzes entsprechen den Angaben, die in der medizinischen Literatur bei der Behandlung von Hüftdysplasie angegeben werden.

Voraussetzung sind jedoch geeignete Tragehilfen oder die richtige Anwendung der Bindetechniken im Falle von Tragetüchern. Die überwiegende Zahl der Tragebeutel erfüllen jedoch nicht die erforderlichen Kriterien hinsichtlich der Einstellung der Beinchen, aber auch nicht hinsichtlich der Unterstützung des kindlichen Rückens. Bei ausreichender Stütze des Rückenbereichs während des Tragens sind keine Wirbelsäulenschäden zu befürchten, die bisherigen Untersuchungen belegen keine auf das Tragen zurückzuführende Wirbelsäulenauffälligkeit.

Einleitung

Für Eltern, die ihr Baby in einem Tragetuch oder Tragebeutel mitnehmen, sind Treppen, Busstufen oder holperige Wege kein Problem. Gleichzeitig die Nähe zu ihrem Kind genießen und auch das Gefühl zu haben, daß sich auch das Baby dabei wohl fühlt, ließe viele Eltern begeistert zu Tragetüchern oder Tragebeuteln greifen - wären da nur nicht die Kommentare so mancher Ärzte, Hebammen und Krankengymnastinnen, die Wirbelsäulenschäden bzw. Atembeschwerden und manchmal auch mehr befürchten.

Sind das Unkenrufe, die so manche neue Idee begleiten, bis sie sich durchgesetzt hat, oder handelt es sich beim Tragen um eine Modeerscheinung, die sich bald wieder verlieren wird?

Zunächst, Tragen ist keineswegs eine Neuerfindung in unseren Tagen sondern die Wiederentdeckung einer uralten Methode der Kinderbetreuung, die nach wie vor in manchen Kulturkreisen auch heute noch praktiziert wird, und die sich als kindgerechte Betreuungsmethode erwiesen hat. Verhaltensbeobachtungen können hierzu ebenso angeführt werden, wie die Kenntnisse um die Lebensweise unserer Vorfahren oder die fördernde Wirkung des Tragens - in Verbindung mit Körperkontakt - auf die allgemeine Entwicklung eines Kindes. Bei der sogenannten Hüftdysplasie kann bei richtiger Tragemethode sogar konkret eine prophylaktische und auch therapeutische Wirkung auf das Hüftgelenk gezeigt werden. Voraussetzung ist natürlich die richtige Körperhaltung des Säuglings in dem Tragetuch oder anderen Tragehilfen. Viele Tragebeutel oder säcke sind jedoch nicht auf die anatomischen Gegebenheiten eines Kindes in diesem Alter abgestimmt. Die kritische Aufmerksamkeit liegt auf zwei Komponenten: einmal auf der Beinhaltung und zum anderen auf einer hinreichenden Stützung des kindlichen Oberkörpers. Ein kurzer Blick auf die anatomischen Gegebenheiten eines Säuglings und Messungen der Beinhaltung im freien Hüftsitz ohne Unterstützung verdeutlicht die Anforderungen an die verschiedenen Tragemöglichkeiten.

Die anatomischen Gegebenheiten - abgestimmt auf das Getragenwerden

Die anatomischen Gegebenheiten eines Säuglings unterscheiden sich in vielen Bereichen von denen eines Erwachsenen. Im Zusammenhang mit dem Thema Tragen ist die nahezu gerade - eher leicht kyphotische - Wirbelsäule zu erwähnen. Sie bestimmt die Stellung des Beckens mit und somit auch die Orientierung der Hüftgelenke. Säugling können ihre Beinchen in den Hüftgelenken nicht gänzlich strecken, geschweige denn wie Erwachsene den Oberschenkel weit nach hinten bewegen, wie für einen raumgreifenden Schritt nötig. Der Bewegungsspielraum der Oberschenkel ist auf den Bereich vor dem Rumpf beschränkt, denn die Hüftgelenke sind im Vergleich zu denen von Erwachsenen eher nach vorne orientiert.

Genauere anatomische Untersuchungen des Arztes Büschelberger (1996) zeigten, daß bei Neugeborenen der Oberschenkelkopf ideal zur Hüftgelenkpfanne orientiert ist - sie also gleichmäßig ausformt - wenn die Beinchen zu etwa 100° angezogen sind, bei gleichzeitigen Spreizstellung von etwa 40°. Im Zusammenhang mit der Behandlung von Hüftdysplasie werden in der medizinischen Literatur Werte von 30° bis maximal 60° angegeben, bei einer Hockstellung von 90 bis 120° (Fettweis 1992, Tönnis 1986). Müssen die Beinchen eines Säuglings aufgrund dieser Fehlentwicklung fixiert werden, wird diese Beinstellung, insbesondere die starke Hockstellung, angestrebt. Auch wenn Babys auf dem Rücken liegen, hocken sie häufig ihre Beinchen bei leichter Spreizstellung an - vor allem wenn sie einen Gegenstand intensiv erkunden (Abb. 1). Eine solche Haltung muß ihren anatomischen Gegebenheiten also entgegenkommen.

Messungen der Anhock- und Spreizstellung der Oberschenkel während des Getragenwerdens ergaben: Setzen Mütter ihre Säuglinge seitlich auf die Hüfte, wird spontan diese günstige Orientierung der Oberschenkel zum Hüftgelenk eingestellt: der Spreizwinkel beträgt durchschnittlich 45°, während die Beinchen 90 bis 120° angehockt sind. Der Winkel der Beinchen zueinander verändert sich mit der Sitzposition des Babys am Körper der Mutter. Er vergrößert sich, je weiter der Säugling zur Körpermitte hin nach vorn verschoben getragen wird. Durch eine extrem seitliche oder einer mehr nach vorn orientierte Position kann der Spreizwinkel also bewußt variiert werden. Auch eine stärkere Hockstellung verändert den Wert - bei Neugeborenen ist diese starke Hockstellung zumeist zu beobachten - er verringert sich (Kirkilionis 1989, 1992, 1994b) (Abb. 2).

Tragen im seitlichen Hüftsitz oder in face-to-face Orientierung entspricht den anatomischen Gegebenheiten eines Säuglings. Diese Haltung sollte durch die Tragehilfen unterstützt oder forciert werden. Tragtücher müssen also entsprechend gebunden werden und Tragebeutel sollten hierauf abgestimmt sein.


Abb. 1
Spreiz-Anhock-Haltung eines 8 Monate alten Mädchens, während es intensiven einen Gegenstand erkundet
Abb. 2
Seitlicher Hüftsitz eines 3 Wochen alten Mädchens - die Beinchen werden eigenständig in der angehockten Stellung gehalten
Abb. 3a bis d
Vorbereitende Reaktion auf das Getragenwerden - das 6 Monate alten Mädchens reagiert auf das Hochgehobenwerden mit der Spreiz-Anhock-Reaktion

 

Worauf muß bei Verwendung eines Tragebeutels geachtet werden

Die Beinhaltung: Die Beinchen sollten so unterstützt werden, daß sie bis zu einem rechten Winkel oder gar stärker angehockt sind. Ein großer Teil der im Handel angebotenen Modelle erwies sich bereits aus diesem Grund als ungeeignet (Ökotest 1998).

Ü Für die Oberschenkel des Säuglings dürfen keine nach unten bzw. unten/seitlich orientierte Aussparungen vorgesehen sein (wie Pfeil b der Zeichnung 1 anzeigt)

Ü bzw. der Stoffsteg zwischen den Beinchen muß breit genug sein, d. h. bis in die Kniekehlen reichen, nicht - wie in der Zeichnung 2 dargestellt (Pfeil b) - so schmal sein, daß die Oberschenkel nach unten hängen können. Kurzfristig kann sich zwar ein Säugling an der anatomisch günstigen Beinstellung beteiligen, er hockt die Beinchen an, bei längerem Tragen benötigt er jedoch Unterstützung.

Bei derartigen Tragebeuteln ist eine der kindlichen Anatomie angepaßte starke Hockstellung nicht möglich. Gegebenenfalls wird sogar in dieser face-to-face Position des Säuglings zum Tragenden ein permanenter unphysiologischer Druck auf die Hüftgelenke ausgeübt. Die herabhängenden, in den Hüftgelenken weitgehend gestreckten Oberschenkel werden ständig gegen den Körper des Tragenden gedrückt (siehe Pfeil c, Zeichnung 2), was eine ungünstige Entwicklung der Hüftgelenke bewirken kann.

Wird der Druck auf die im Hüftgelenke gestreckten Beinchen zu groß, kann ein Säugling diesem unangenehmen Druck nur ausweichen, indem er mit dem Becken nachgibt, es abkippt. Die Folge ist, da er sich ja mit dem gesamten Körper an den Tragenden angeschmiegt, daß ein in diesem Alter unphysiologischer Hohlrücken entsteht. Gleichzeitig fallen Schultern und auch das Köpfchen des Kindes nach hinten. Diese Haltung ist oft bei etwas größeren Kindern zu beobachten, die in ihrem Tragebeutel zu tief am Körper der Mutter hängen. Die Knie reichen bis zu den Oberschenkel hinunter, bei jedem Schritt der Mutter drückt sie mit ihren Oberschenkeln gegen die Knie des Babys.

 

Die Stützung des Oberkörpers: Der Rücken des Kindes muß ausreichend gestützt sein, d. h. er muß von der Tragehilfe eng umschlossen sein. Außerdem muß sich der Säugling an den Körper des Tragenden eng anschmiegen. Dann bleibt der Oberkörper des Kindes aufgerichtet, da es in der Anlehnung an den Tragenden Halt findet und nicht in sich zusammen sinkt (siehe Pfeil a, Zeichnung 3).

Ü Bei vielen Tragehilfen wird die Haltung des Kindes lediglich durch die Zugkräfte zweier Träger unterstützt (siehe Pfeile a, Zeichnungen 1 und 2); oft bleibt dabei zwischen Kind und Tragendem viel Platz; das Baby kann sich dann nicht ausreichend an dem Oberkörper des Tragenden anlehnen und sinkt in sich zusammen, vor allem wenn es nur wenige Wochen alt ist.

 

Auch der Sitz in Tragetüchern muß überprüft werden

Korrekte Beinhaltung und ausreichende Unterstützung des Rückenbereichs sind wichtig. Auch der geeignete Sitz des Kindes in Tragetüchern wird an diesen beiden Kriterien gemessen. Nur bei richtiger Verwendung eines Tragetuchs werden Rumpf und Beinchen des Säuglings hinreichend unterstützt, sowohl bei einem seitlichen Hüftsitz als auch einer face-to-face Orientierung zum Tragenden bzw. beim Tragen auf dem Rücken. Das Gefühl, das Kind sitze nicht sicher oder rutsche aus dem Tuch heraus, ist meist tatsächlich ein Zeichen dafür, daß das Tuch zu locker oder nicht richtig gebunden ist. Der Sitz des Kindes sollte immer wieder überprüft werden.

Die Verwendung eines Tragetuchs erfordert etwas Übung, am besten geht es natürlich mit Anleitung durch eine "tragetucherfahrene" Person. Ist die Anfangsunsicherheit überwunden, erweist sich ein Tuch als äußerst variabel einsetzbar das Kind kann liegend oder aufrecht sitzend getragen werden, seitlich, vor der Brust oder auf dem Rücken und als eine Tragehilfe, die stufenlos‘ mitwächst und die sich bei richtiger Anwendung auch bei den verschiedensten Bindetechniken an Kind und Träger anpaßt. Tragebeutel sind nicht so vielseitig, die Babys können abgesehen von wenigen Ausnahmen - aufrecht sitzend vor der Brust oder auf dem Rücken getragen. Sie sind aber zumeist einfacher zu handhaben. Sie müssen jedoch besonders kritisch betrachtet werden, nur einzelne Marken erfüllen die oben beschriebenen Anforderungen.

Die Verwendung von geeigneten Tragehilfen: Prophylaxe und Therapie bei Hüftdysplasie

In geeigneten Tragebeuteln getragen oder richtig in Tragetücher gebunden, sind die kindlichen Oberschenkel und der Oberschenkelkopf günstig zu den Hüftgelenken orientiert. Ein gesundes Heranreifen des Hüftgelenkbereichs wird aber nicht allein durch die günstige Stellung gefördert. Eltern übertragen mit jedem Schritt und jeder Wendung Bewegungsreize auf die eng in ihren Körper anliegenden Beinchen des Kindes, und somit auf dessen Hüftgelenke. - Günstig für die Entwicklung der noch knorpeligen Strukturen, da durch Bewegung die Durchblutung angeregt wird, das gilt besonders bei drohender oder bereits bestehender Hüftdysplasie. Getragenwerden in leicht gespreizte, stark angehockte Beinhaltung wirkt somit prophylaktisch oder therapeutisch bei dieser Fehlentwicklung.

Die gängigen medizinischen Geräte bedeuten oft eine erhebliche Einschränkung der kindlichen Bewegungsmöglichkeiten und somit eine Behinderung seiner Bewegungserfahrungen. Zwar wird die Dysplasie heute häufig bereits in den ersten Lebenswochen und nur kurz therapiert, doch kann unter Umständen auch mehrere Monate behandelt werden. Diese Geräte - wie beispielsweise die gängigen Spreizhöschen - erschweren den Eltern zusätzlich, ihre Kinder wie ansonst üblich, auf den Arm zu nehmen und zu tragen. Auch die indirekt vermittelte Wahrnehmung der Bewegung - über das Getragenwerden durch die Eltern - ist somit eingeschränkt und das Baby muß zusätzlich auf einen Teil des sonst erlebten Körperkontaktes verzichten. Verschiedene Autoren betonen die Wichtigkeit der sog. kinästhetischen Rückmeldungen und Bewegungserfahrungen; werden sie eingeschränkt, werden auch die hiermit verbundenen Lernprozesse und Entwicklungsschritte erschwert (Ayres 1992, Held 1965). Beim Tragen in aufrechter Körperhaltung mit gespreizten und angehockten Beinchen wird hingegen eine therapeutische Körperhaltung zwanglos und den kindlichen Bedürfnissen angepaßt eingestellt.

Die unbegründete Angst vor Haltungsschäden durch das Tragen

Nicht selten werden Eltern, die ihr Kind in den Tragehilfen oder einem Tragetuch aufrecht sitzend tragen wollen, vor Wirbelsäulenschäden gewarnt, vor allem wenn sie mit dem Tragen beginnen wollen, bevor das Kind selbstständig sitzen kann. Eine Longitudinalstudie an 192 Kindern (Kirkilionis, 1989, 1992), innerhalb der Tragemethoden, die tägliche durchschnittliche Tragedauer und der Beginn des Tragens aufgeschlüsselt wurde, zeigte keinen Zusammenhang zwischen Getragenwerden in aufrechter Körperhaltung und vermehrt auftretenden Haltungsschäden. Weder war die Zahl der Wirbelsäulenauffälligkeit bei Kindern, die etwa 2 bis 2 ½ Stunden am Tag in den Tragehilfen verbrachten, erhöht, noch bei den Säuglingen, die durchschnittlich 4, 5, 6 oder mehr Stunden getragen wurden - teils bereits in der ersten Lebenswoche. Bei keinem der Kinder wurde später eine Haltungsauffälligkeit festgestellt, die auf das frühzeitige Tragen zurückgeführt werden konnte. Zwar wurde im Schuleintrittsalter bei 4 der 192 erfaßten Kinder leichte, nicht behandlungsbedürftige Haltungsauffälligkeiten festgestellt: 2 Geschwister, die aber erst ab dem 6. Lebensmonat 1½ bis 2½ Stunden am Tag in Tragehilfen verbrachten, wiesen einen leichten Rundrücken auf. Ein anderes Geschwisterpaar zeigte eine leichte Skoliose, die mehrfach in der Familie mütterlicherseits aufgetreten war. Eines dieser Kinder wurde 1 bis 2 Stunden täglich getragen, das andere 6 bis 8 Stunden (3 weitere Geschwister, die ebenfalls 6 bis 8 Stunden bereits während der ersten beiden Lebenswochen in Tragehilfen verbrachten, zeigten keinerlei Haltungsauffälligkeiten) (Kirkilionis 1994a). Die Häufigkeit der Haltungsauffälligkeiten übersteigt bei den in dieser Untersuchung erfaßten Kindern nicht den Prozentsatz derartiger Auffälligkeiten bei Schuleintritt der Kinder, wie die nachfolgende Tabelle verdeutlicht. Dies zeigt, das die Furcht vor Haltungsschäden unbegründet ist.

 

 

Skoliosen
(davon behandlungsbedürftig*)

Haltungsschwäche und -fehler -Kyphosen eingeschlossen
(davon behandlungsbedürftig)*

Nach Zapfe (1989)

5 - 10 % (1 - 3 %)

ca. 25 % (10 - 20 %)

Gesundheitsamt Baden Württemberg, die angegebenen Zahlen schwankten zwischen 1991 bis 1995


1,4 - 1,7 % (1 - 1,4 %)


5,4 - 10,4 % (1,2 - 2,3 %)

Gesundheitsamt der Hansestadt Hamburg 1994

1,7 %

16,4 %

196 erfaßte Kinder,
die im Tagetuch getragen wurden
(Kirkilionis 1989, 1997)


1 % (0 %)


1 % (0 %)
(hier nur Kyphosen aufgetreten)


* in Klammern ist der Prozentsatz der Kinder angegeben, bei denen eine Behandlung nötig war.
Die Daten des Gesundheitsamts Hamburg lassen keine Aussage über den Anteil nötiger Behandlungen zu.

Wirbelsäulenschäden sind also nicht zu befürchten - bei den Kindern. Nicht selten stellen sich Probleme im Rückenbereich bei den Müttern ein, wie die Fragebögen zeigten. Durch die Belastung, die mit steigendem Gewicht des Kindes natürlich zunimmt, verstärken sich bereits vorhandene Schwierigkeiten im Rückenbereich der Mütter oder kommen erst zur Ausprägung. Das ist vor allem der Fall, wenn das Gewicht des Kindes beim Start des Tragens relativ hoch ist. Ein früher Tragebeginn ist also auch für die tragenden Eltern günstig, da sich bei dem anfangs geringen Körpergewicht des Babys auch die anfängliche körperliche Belastung der tragenden Personen in Grenzen hält. An die steigenden körperlichen Anforderungen durch das zunehmende Gewicht des Kindes kann sich die Mutter allmählich gewöhnen. Ein Trainingseffekt, der Probleme durch die körperliche Belastung des Tragens zumindest verringert.

Verhaltensbiologische Beobachtungen und stammesgeschichtliche Zusammenhänge

Säuglinge schlafen vor allem in den ersten Lebensmonaten nicht selten sofort ein, packt man sie in ein Tragetuch oder in ein anderes Hilfsmittel. Die beruhigende Wirkung des Tragens - genauer gesagt die des Bewegtwerdens und des Körperkontakt - ist ebensowenig Zufall wie die Passung von anatomisch günstiger Beinstellung und seitlichem Hüftsitz. Sie ist vielmehr die Konsequenz aus der Anpassung des Säuglings an die Lebensbedingungen während der Menschheitsentwicklung. Die Kenntnisse über unsere nächsten Verwandten und unsere prähistorischen Vorfahren erlauben uns eine Vorstellung von der Lebenssituation und den damit verbundenen Anpassungen eines Säuglings an die damalige Lebensbedingungen. Unsere nächsten Verwandten - die verschiedenen Affenarten und vor allem Menschenaffen - tragen ihre Jungen ständig mit sich, während sie ihr Gebiet nach Nahrung durchstreifen, wobei sich die Jungen aktiv im Fell der Mutter anklammern; in der Biologie werden diese Jungtiere daher als Traglinge bezeichnet (Hassenstein 1987, Kirkilionis 1992). Die Lebensweise unserer Vorfahren erforderte nicht nur zu Beginn der menschlichen Stammesgeschichte, den Nachwuchs ständig mitzunehmen, ihn zurückzulassen bedeutete, ihn tödlichen Gefahren auszusetzen. Erst als der Mensch seßhaft wurde, bestand die Möglichkeit, ihn in einem geschützten Rahmen vorübergehend zurückzulassen, doch hieran ist ein Säugling nach wie vor nicht angepaßt, die Zeitspanne - evolutionär gesehen - ist zu kurz. Und auch heute noch gibt es Kulturen mit nomadischer oder halbnomadischer Lebensweise, bei denen Säuglinge beständig mitgetragen werden müssen.

Eine "menschliche" Besonderheit hatte sich aber wahrscheinlich schon zu Beginn der Menschheitsgeschichte herausgebildet. Die Säuglinge wurden im seitlichen Hüftsitz getragen und nicht, wie es heute noch bei unseren nächsten Verwandten - z. B. Schimpanse oder Gorilla - zu beobachten ist, frontal vor der Brust (Kirkilionis, 1992). Eine Konsequenz aus der für den Menschen typischen Entwicklung des aufrechten Gangs mit all seinen weitreichenden anatomischen Veränderungen. Bereits bei den ältesten zu den Menschen zu zählenden Vorfahren waren die hinteren Extremitäten vom "Greif-Lauf-Fuß" zum reinen ‚Lauf-Fuß’ umgestaltet, so daß ein sicherer Halt durch ein Festklammern der Neugeborenen mit den Händen und mit den Füßen im - zu dieser Zeit wahrscheinlich noch vorhandenen - Fell der Mutter nicht mehr möglich war. Im seitlichen Hüftsitz konnte sich jedoch das Neugeborene mit dem gesamten Bein an der Mutter festklammern und sich so aktiv am Getragenwerden beteiligen.

Die Beobachtungen belegen: nach wie vor bereitet ein Säugling durch seine Bewegungsreaktionen - der Spreiz-Anhock-Reaktion - aktiv den Sitz auf der Hüfte vor (Abb. 3a-d), er kann sich durch Anklammern mit dem gesamten Bein ebenfalls am Sitz selbst beteiligen (Kirkilionis 1992). Mit dieser typischen Verhaltensweise und seinen anatomischen Eigenschaften ist ein Säuglings während seiner ersten Entwicklungsphasen nach wie vor an die besondere Situation des Getragenwerdens angepaßt (Abb. 4). Und auch sein Grundbedürfnis nach Anwesenheit einer Betreuungsperson spricht hierfür, ist typisch für einen Tragling. Dieses Eigenschaft ist aus stammesgeschichtlicher Sicht verständlich. Denn für einen Säugling war in den frühen Zeiten der Menschheitsgeschichte allein gelassen zu werden lebensbedrohlich. Eine Situation, in der sinnvollerweise alle zur Verfügung stehenden Signale zum Herbeirufen der Betreuungsperson vehement eingesetzt werden mußten, um diese gefährliche und ängstigende Lage zu beenden. Nach wie vor empfindet ein Neugeborenes die Situation beunruhigend, erwacht es in einem separaten, ruhigen Raum, in dem es abgeschottet ist von allen Geräuschen und Aktivitäten der anderen Familienmitglieder. Wird seine Aufforderung nach Anwesenheitssignalen seitens der Eltern nicht beantwortet, beginnt es zu weinen. Dieses Verlassenheitsweinen ist eine für einen Tragling verständliche Reaktion. Wird er dann aufgenommen, angesprochen, gestreichelt, leicht hin- und hergewiegt, werden alle Signale vermittelt, die ihm die Anwesenheit einer Betreuungsperson beweisen und seine Verlassenheitsangst nehmen.

Der Begriff Tragling ist demnach eine Kurzbeschreibung für die Grundbedürfnisse und charakteristische Eigenschaften eines Neugeborenen, in dessen Aufmerksamkeitszentrum die Wahrnehmung von Anwesenheitssignale der vertrauten Bezugsperson steht.

Getragenwerden - Wahrnehmen der Betreuungsperson mit allen Sinnen

Getragenwerden bedeutet für einen Säugling, daß er über alle ihm zur Verfügung stehenden Kommunikationsmöglichkeiten die ihn betreuende Person wahrnehmen kann:

Tragen ist jedoch mehr als eine besonders effektive Beruhigungsmethode - bzw. günstiges Mittel zur Fortbewegung. Ein Neugeborenes kann bald nach der Geburt die Personen seiner Umgebung unterscheiden, und so wird er auch die für seine Hauptbezugspersonen typischen Charakteristika während des Tragens wahrnehmen können. Die Fähigkeit, seine konstanten Betreuungs- und Interaktionspartner individuell kennenzulernen, ist die Voraussetzung für das Bindungsgeschehen zwischen ihm und seinen Eltern bzw. Betreuern. Und dieser Kennenlernprozeß wird durch die an seine augenblicklichen Bedürfnisse und Fähigkeiten angepaßte Art der Darbietung der verschiedenen Signale oder Reize erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht.

So erstaunlich die Fähigkeiten der Säuglinge bereits wenige Tage oder Wochen nach der Geburt sein mögen, so müssen seine Bezugspersonen doch seine im Vergleich zum Erwachsenen noch eingeschränkten Verarbeitungs- und Wahrnehmungsfähigkeiten berücksichtigen. Die visuellen Möglichkeiten eines Säuglings sind z. B. zunächst begrenzt, seine optimale Sehdistanz entspricht nicht der eines Erwachsenen, sondern beträgt in den ersten Lebenswochen nur etwa 22 cm. Eltern stellen sich auf diese geringere Distanz unbewußt ein, nähern sich auf diese für das Kind günstige Entfernung, wollen sie mit ihrem Baby Blickkontakt aufnehmen. Solche unbewußten Reaktionen, das sog. intuitive Elternverhalten, sind dadurch gekennzeichnet, daß sie auf die Verhaltensausstattung des Säuglings abgestimmt sind, und sie ergänzen. Eltern erleichtern so ihrem Kind die Interaktionsaufnahme und den Zugang zur Umwelt.

Getragenwerden kommt nicht nur den Grundbedürfnissen eines Säuglings entgegen, sondern ergänzt ebenso seine Verhaltensausstattung. In aufrechter Körperposition, angelehnt an den Körper der Betreuer, kann er sich selbstständig dem Ausschnitt an Reizen seiner Umgebung zuwenden, der seinen momentanen Bedürfnissen entspricht. Er kann eigenständig Blickkontakt mit der Mutter aufnehmen oder sich für Umgebungsreize interessieren. Bei Reizüberflutung hat ein Baby die Möglichkeit, wendet es sein Gesicht dem Körper der Mutter zu, den Kontakt zur Umwelt bei abzubrechen. Auch im Alter von wenigen Wochen kann es sich aktiv Hin- und Abwenden, da es von der Aufgabe, den Kopf kontrolliert zu halten, beim aufrechten Getragenwerden weit gehend befreit sind. Das gibt ihm auch die Möglichkeit, aktiver zu agieren. Allein durch ein Stützen des Kopfes in aufgerichteter Position kann eine erhöhte Aufmerksamkeit eines Neugeborenen erreicht werden, es "zeigen sich Bewegungen, die für Säuglinge im Alter von mehreren Monaten charakteristisch sind. ... Es werden also schon vorhandene Bewegungsschemen freigesetzt, deren Auftreten noch dadurch verhindert wird, daß das Kind seinen Kopf noch nicht kontrolliert stützen kann. In der Regel ist es erst ab dem zweiten Monat nach der Geburt dazu in der Lage" (Palazzi 1984). In aufgerichteter Haltung ist das Interesse an der Umgebung und die Aufmerksamkeit eines Baby gesteigert. Angeregt, wahrscheinlich durch die Stimulierung des Gleichgewichtssinns, folgen wenige Tage alte Babys dann auch bereitwillig visuellen Angeboten und verarbeiten sie zudem besser, als es für dieses Alter zu erwarten wäre (Fredrickson et al. 1975, Zimmer 1993). So manche Anregungen und Gegenstände kann ein Baby erst von der erhöhten Ausgangssituation beim Getragenwerden wahrnehmen. Von der "sicheren" Position am Körper der Betreuungsperson kann Unbekanntes eher erkundet werden, verliert eher die bedrohliche Komponente, die jedem Neuen auch eigen sein kann.

Tragen - mehr als Beruhigung und Mittel zum Transport

Wird ein Kind nicht getragen, bedeutet dies keineswegs gleichzeitig, daß ein Säugling Defizite erfahren muß. Gewähren ihm die Eltern genügend Interaktionsmöglichkeiten, Schmusezeiten, Körperkontakt und Streicheleinheiten auf andere Art, kann dies ohne weiteres ausreichend sein. Nur was bedeutet ausreichend? Die Intuition der Eltern ist hier gefragt. Vor allem bei besonders zärtlichkeitsbedürftigen Säuglingen - sei es aufgrund von Krankheit, sei es aufgrund individuell erhöhtem Kontaktbedürfnisses eines Kindes - kann ein Ersetzen des Kinderwagens durch das Tragen ein Teil des Bedürfnisses nach Nähe bereits erfüllen. Mütter erwähnten immer wieder, daß sie das Kontaktbedürfnis ihres Kindes auf diese Weise hinreichend befriedigen konnten, obwohl sie anderweitig stark beansprucht waren, z. B. durch die Betreuung mehrerer Kinder oder langfristig erkrankter Familienmitglieder. Das Tragen bietet in solchen Situationen einen gewissen Freiraum, da ein Teil des vom Kind im normalen Rahmen abgefragten Interaktions- oder Kontaktbedürfnisses bereits während des Tragens befriedigt wird, und weil es an den Aktivitäten der Mutter - oft nur indirekt - beteiligt ist. Es werden ihm vielfältige Reize geboten, ohne diesen jedoch ausgeliefert zu sein. Eltern erwähnten in persönlich kritischen Lebensphasen, in denen zudem ein Baby versorgt werden mußte, ein Tragen von 5, 6 oder mehr Stunden täglich (Kirkilionis 1994a), daß ihr Baby zufrieden war trotz der vielen Aktivitäten des betreuenden Elternteils.

Die Befriedigung des Kontaktbedürfnisses ist für das Bindungsgeschehens zwischen Eltern und Kind von großer Bedeutung. Die ausreichende Befriedigung dieses Grundbedürfnisses unterstützt den Aufbau einer sicheren Bindung an seine konstanten Betreuungspersonen. Die Bindung eines Kindes an seine Betreuungsperson vermittelt ihm ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen. Dies wird besonders wichtig, wenn es emotionalen Belastungen ausgesetzt ist, und die eigenen Handlungsspielräume für die Bewältigung der Situation nicht ausreichen. Dann ist es auf die Unterstützung seiner Bezugspersonen angewiesen. Sicher gebundene Kinder können belastende Situationen besser meistern, sind ausgeglichener, weniger ängstlich und seltener aggressiv, sozial kompetent, holen sie sich Hilfe, sobald sie eine Situation nicht meistern können (Grossmann 1997).

Diese Bindungsgeschehen zu fördern ist eine der wichtigsten Aufgaben der Bezugspersonen eines Kindes. Ob sich eine stabile, sichere Bindung entwickelt oder die Bindung des Kindes an die Bezugsperson von Unsicherheit geprägt ist, hängt von der Gestaltung dieses Bindungsaufbaus ab. Das Bindungsgeschehen hat nicht nur Bedeutung für die gesamte Kindheitsentwicklung, sondern bestimmt auch die Empfindungswelt als Erwachsener weitgehend mit. Zwar wird heute nicht mehr von den unwiderruflich alles entscheidenden ersten Lebensjahren gesprochen, doch der Einfluß der Erfahrungen der Kindheitsjahre auf die Persönlichkeitsentwicklung ist unbestritten. Regelmäßige intensive Zwiegespräche zwischen Eltern und Kind und zuverlässiges Umsorgen sind die Voraussetzungen für ein positiv verlaufendes Bindungsgeschehen, und die Verfügbarkeit der Eltern und ihre Zugänglichkeit für die kindlichen Signale bestimmen die Bindungsbeziehung mit. Damit ist nicht einfach nur die körperliche Anwesenheit gemeint. Eltern, die feinfühlig auf die Bedürfnisse der Kinder und ihre Signale eingehen, deren Reaktionen prompt, zuverlässig und beständig auf die kindlichen Aktionen erfolgen, sind Eltern, wie viele inzwischen vorliegenden Untersuchungen bestätigt haben, zu denen Kinder eher eine sichere Bindung aufbauen können (Grossmann 1997). Hier muß geradezu die Untersuchung von Anisfeld (Anisfeld et al. 1990) erwähnt werden. Sie beschreibt, daß Mütter, die Tragehilfen benützen, sensibel auf ihre Kinder reagieren und empfänglicher für deren Signale sind. Und das trifft selbst für Mutter-Kind-Paare zu, die in einem kritischen sozialen Umfeld leben, ein Bindungsaufbau zwischen Eltern und Kind also eher erschwert ist.

Die Integration der Sinne

Die wahrgenommenen Sinnesreize zu strukturieren, zu ordnen und zu verbinden, das ist die Voraussetzung, um sich in der Welt orientieren und zurechtfinden zu können. Diese Leistungen werden unter dem Begriff Integration zusammengefaßt. Schaltstelle hierfür ist das Gehirn. Diese integrativen Leistungen funktionieren bereits vor der Geburt, denn bereits im Uterus verarbeitet ein Kind bereits Sinneswahrnehmungen und auch im Uterus braucht es diese Sinnesreize, damit es sich normal entwickeln kann. Denn die Sinnesorgane und ihre verarbeitenden Areale im Gehirn benötigen Anregungen, um sich entwickeln und normal funktionieren zu können. Es scheint, daß das Gleichgewichtssystem als auch das taktile System Schrittmacher für das Zusammenspiel der Sinne sind, sowohl in der vorgeburtlichen wie in der nachgeburtlichen Zeit (Ayres 1992, Streri 1993, Zimmer 1992), und beide Sinnessysteme werden während des Tragens angesprochen.

Tragen - Zum Schluß etwas Konkretes

Ab wann und wieviel Zeit ein Säugling im Tragetuch oder anderen -hilfen verbringen sollte, läßt sich - wie meist - nicht mit einer einfachen Zahlenangabe beantworten. So lange sich Eltern und Kind dabei wohl fühlen, ist auch gegen ein Tragen bereits in den ersten Lebenswochen nichts einzuwenden. Oft schlafen Säuglinge dann sofort ein, werden sie in einen Tragebeutel oder ein Tragetuch gepackt: die beruhigende Wirkung von Körpernähe und Bewegungswahrnehmung. Mit zunehmenden Alter wird das Baby aktiver, die Umwelt interessanter, von der erhöhten Position am Körper seiner Betreuungsperson kann es sich aktiv der Umwelt zuwenden. Auch wenn Eltern zunächst ihre Kinder 6, 8 oder mehr Stunden am Tag mit sich getragen haben, reduzierten sich bei den Untersuchungen die Zeiten mit zunehmendem Alter jedoch. Teils weil das wachsende Körpergewicht die Mutter körperlich zu sehr anstrengte. Jedoch vor allem, weil das Kind aktiver wurde und Zeit für eigenständiges Spiel oder erste eigenständige Bewegungserfahrungen verlangte. Tragen sollte keineswegs die Erkundungsfreude eines Säuglings einschränken, der seinen eigenen Körper oder die nähere Umgebung eigenständig kennenlernen möchte. Hierfür müssen ihm Zeit und Möglichkeiten gewährt werden, hier ist das Einfühlungsvermögen der Eltern gefragt.

Tragen darf nicht zur Ideologie werden, sondern ist eine Frage des Wohlbefindens - für alle Beteiligten.

Literatur

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Ayres J. (1992) Bausteine der kindlichen Entwicklung - Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Heidelberg, Springer.

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Zimmer K. (1992) Die Schule der Sinne. Geo Wissen (2) Kindheit und Jugend. 36 - 39.



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